FMK-Diskussion: „Zwischen den Zeilen – warum in wissenschaftlichen Studien 1+1 auch manchmal 3 sein kann“ - VIDEO

Im Rahmen der vom FMK gestarteten Diskussionsreihe „Wissenschaft mit Weitblick“ debattierten unter der Leitung von Alwin Schönberger, Ressortleiter Wissenschaft der Zeitschrift „Profil“ zum Thema „Zwischen den Zeilen – warum in wissenschaftlichen Studien 1+1 auch manchmal 3 sein kann“ Univ.-Prof. DDr. Ulrich Berger, Vorstand des Instituts für Analytische Volkswirtschaftslehre der Wirtschaftsuniversität Wien, FH-Prof.in Dr.in Nicole Gonser, Bereichsleiterin Medienforschung am Institut für Journalismus & Medienmanagement, FH Wien der WKW und Ao Univ.-Prof. Dr. Michael Kundi, Koordinator des Doktorats-Programms Public Health der Medizinischen Universität Wien über die unterschiedliche Einschätzung von Studienergebnissen und woran das liegen kann.

Zusammenfassung (7 min): https://youtu.be/ec4_AJMqpC0

Aufzeichnung der gesamten Diskussion (49 min):  https://youtu.be/UYkwnPEJAB4


„Was haben die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien zu bedeuten, gibt es Interpretationsspielraum, müssen wir die Daten, Zahlen und Fakten wörtlich nehmen, oder muss man den Ergebnissen gar mißtrauen?“, mit dieser Frage konfrontierte Alwin Schönberger das prominent besetzte Podium auf der Aussichtsterrasse des Wiener Donauturms am 2. Mai 2017.

Gonser: Wissenschaftler dürfen sich Medienmechanismen bedienen – mit ethischen Grenzen

Die Diskussion führte auch zum Thema Alarmismus, also die bewusste und aus „Gründen des höheren Gemeinwohls“  begründete Übertreibung von Fakten aus Studien, damit die Erkenntnisse den Weg in die Öffentlichkeit finden. Prof. Kundi dazu: „Die Wahrheit kann weder in die eine oder andere Richtung verdreht werden, allerdings,“ so Kundi weiter, sei sie eine regulative Idee, der man sich annähere. „Was wir für wahr halten, sollen wir auch so kommunizieren – ohne Übertreibung, aber auch ohne die Dinge unter den Teppich zu kehren!“

Prof. Berger dazu: „In jedem Fall sollten sich Wissenschaftler aber davor hüten, in Alarmismus zu verfallen!“, während Prof. Gonser erkannte, dass sich „Wissenschaftler natürlich auch der Medienmechanismen bedienen dürfen, immerhin verkörpern sie ja eine Art Marke, die ihr Fach, ihre Studie quasi verkaufen müssen! „Natürlich“, so Gonser weiter, „gibt es ethische Grenzen.  Man darf ein Ergebnis nicht derart wenden, dass Angst geschürt wird, nur um auch in allen Medien zitiert zu werden!“

Prof. Kundi sprach in der Diskussion auch ganz konkret die Klassifizierung der IARC der WHO von Mobilfunk als „möglicherweise kanzerogen“ an. Er erwähnte aber auch, dass andere Stellen betonen, dass es keinen Nachweis des kausalen Zusammenhangs zwischen Mobilfunk und gesundheitlichen Beeinträchtigungen gäbe. Kundi weiters: „Diese beiden Statements sind eigentlich korrekt!“, was Prof. Berger so nicht ganz stehen lassen wollte und dazu ergänzend ausführt: „Wenn man das Risiko quantifiziert, ist es nicht einfach, das in allgemein verständliche Worte zu übersetzen. Es gibt aber genaue Regeln, was „möglicherweise“ kanzerogen ist und wann etwas „wahrscheinlich“ kanzerogen ist – diese wichtigen Nuancen gehen aber oft in der Wissenschafts-Kommunikation verloren!“.

Kundi: Vermittlung von wissenschaftlichen Tatsachen ist Aufgabe der Medien

Prof. Kundi: „Meiner Wahrnehmung nach ist es ein großes Problem, wissenschaftliche Tatsachen der Bevölkerung zu vermitteln. Es ist die Aufgabe der Medien und Journalisten, das zu tun! Allerdings“, so Kundi weiter, „ sehe ich zumindest in unseren Breiten kaum verantwortungsvollen Wissenschaftsjournalismus!“

Prof. Berger brachte in diesem Zusammenhang das Beispiel einer Fake-Studie, die der US-Wissenschaftsjournalist John Bohannon plante, durchführte und veröffentlichte. „Die Grundidee war, zu beweisen, dass Schokolade beim Abnehmen hilft, es wurden einige, wenige Probanden in Kontroll-und Versuchsgruppen unterteilt, die eine Diät machten. Mit statistischen Tricks konnte man dann tatsächlich aus dem Datenmaterial herausrechnen, dass die Gruppe, die Schokolade aß, schneller abnahm als die, die keine Schokolade gegessen hat – tatsächlich ein Zufallsergebnis, was nicht verwundert, denn kleine Studien sind anfällig für systematische Verzerrungen!“

Prof. Gonser appellierte daher an alle Journalisten, die wichtigsten Qualitätsmerkmale von Studien in Artikel einfließen zu lassen, die sich auf Studienerkenntnisse beziehen. „Dies sind beispielsweise Fallzahlgröße, Ort und Zeitpunkt der Studie und natürlich auch, wer die Studie beauftragt und finanziert hat!“.  Dies gehöre einfach zum „guten Ton des guten Journalismus“, damit sich Medienkonsumenten ein Bild darüber machen könnten,  wie die Erkenntnisse von Studien einzuschätzen seien.

Berger: Nicht nur relative, sondern absolute Risiken sollen publiziert werden

Prof. Berger stellte die Überlegung an, nicht nur relative Studien-Ergebnisse , beispielsweise von Risiken zu publizieren, sondern auch die absoluten Zahlen. „Denn wenn eine Studie etwa ergibt, dass eine bestimmte Noxe zu einer Vervielfachung eines Risikos,  beispielsweise an Krebs zu erkranken, führt, in absoluten Zahlen das aber bedeutet, dass von einer Million Menschen davon  statistisch nur ein Mensch betroffen ist, dann klingt das gleich viel weniger dramatisch!“

Prof. Gonser sieht in dieser Überlegung die Chance des Datenjournalismus: „Journalisten sollten sich wieder verstärkt mit den Rohdaten auseinandersetzen. Für Medienhäuser und letztendlich für die Konsumenten könnte das sehr attraktiv sein!“

FMK reagiert mit Jungjournalistenpreis

Das Forum Mobilkommunikation kennt die Schwierigkeiten, mit denen Journalistinnen und Journalisten im Wissenschaftsjournalismus konfrontiert sind. Um dem Thema eine größere Bedeutung zu geben, hat das FMK den „Hedy Lamarr-Jungjournalistenpreis“ in Zusammenarbeit mit dem Presseclub Concordia initiiert. Die Ankündigung ist unter http://concordia.at/cgi-bin/page.pl?id=1034;lang=de zu finden.

Rückfragehinweis

Gregor Wagner

Pressesprecher
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