FMK-Diskussion: Hinter der Gelben Linie – macht Angst krank? - VIDEO

Im Rahmen der vom FMK gestarteten Diskussionsreihe „Wissenschaft mit Weitblick“ debattierten zum Thema „Hinter der Gelben Linie – Macht Angst krank?“ der Gesundheitspsychologe Univ.-Prof. DDr. Alfred Barth, der Bürgermeister von Neusiedl am See, Kurt Lentsch, die Expertin der österreichischen Bundesstelle für Sektenfragen, Mag.a Ulrike Schiesser und der Risiko- und Technikfolgenforscher Prof. Dr. Peter Wiedemann über den Zusammenhang von tatsächlichem Risikopotenzial und subjektiver Risikoeinschätzung.

Teaser: https://youtu.be/ECxdLG6--pg

Aufzeichnung der gesamten Diskussion:  https://youtu.be/yTkVg-nRcdY


„Leben wir in einer Angstgesellschaft – und wenn ja, was macht das mit uns?“. Mit dieser Frage konfrontierte die Geschäftsführerin des Forum Mobilkommunikation, Mag.  Margit Kropik ihre Gäste am prominent besetzten Podium auf der Aussichtsterrasse des Wiener Donauturms am 6. Oktober 2016.

Der Druck auf die Menschen, Leistung erbringen zu müssen, ordentlich „zu performen“, wird in unserer Gesellschaft immer größer, diagnostizierte die Psychologin und Expertin  der österreichischen Bundesstelle für Sektenfragen Mag. Ulrike Schiesser. Das gelte im Beruf ebenso wie in der Familie oder im Rahmen der sozialen Gemeinschaft. Dem gegenüber stehe eine vage Angst des Abstiegs, ein diffuses Gefühl, die nächste Generation würde es schwerer haben.

Suche nach einfachen Wahrheiten

„Je diffuser die Angst und je komplexer unsere Welt wird, desto einfachere Wahrheiten suchen die Menschen. Und sie suchen nach jemandem, der ihnen dafür einfache Erklärungen und einfache Lösungen anbietet. Unterstützt wird dieser Mechanismus zusätzlich  von den digitalen Medien“, erklärte Schiesser. Selbst für abstruseste Theorien gäbe es im Internet „persönlich Betroffene“, die ihre Geschichte bereitwillig erzählen. Um so öfter man sie hört, um so „realer“ werden sie wahrgenommen, unabhängig von ihrem tatsächlichen Wahrheitsgehalt.

„Die subjektive Wahrnehmung hat in der Folge einen wesentlichen Einfluss auf die individuelle Risikobeurteilung“, berichtete Prof. DDr. Alfred Barth, Gesundheitspsychologe an der Sigmund Freud Universität Linz. „Unter dem so genannten Nocebo-Effekt tritt versteht man das Phänomen, dass das Wissen um das Vorhandensein einer vermeintlichen Noxe schon ausreicht, um  Beschwerden auszulösen“, erklärte er,  „umgekehrt führt das Nichtwissen um eine Noxe oder das Wissen, dass die vermeintliche Noxe nicht vorhanden ist, oft zu einer Beschwerdefreiheit.“

Aufklärung kann Interessenskonflikte nicht lösen

Mit den Möglichkeiten, aber auch mit den Grenzen einer professionellen Risikokommunikation setzt sich seit Jahrzehnten der Risiko- und Technikfolgenforscher Prof. Dr. Peter Wiedemann aus Berlin auseinander. Risikokommunikation sei bei öffentlich geführten Diskursen – unabhängig davon, ob es sich um ein lokales Bauprojekt oder eine gesellschaftlich breit diskutierte Fragestellung wie mögliche Auswirkungen von Mobilfunk handelt – im Sinne einer sachlichen, verständlichen Aufklärung absolut notwendig, führte Wiedemann aus. Denn der öffentliche wie politische Risikodiskurs sei in der Regel „populistisch und moralisierend“. Diese Moralisierung eines Konflikts führe in weiterer Folge dazu, dass man nicht mehr vernünftig miteinander reden könne: „Argumente machen dann keinen Sinn mehr“, weiß Wiedemann. Professionelle Risikokommunikation habe daher die Aufgabe, zu entmoralisieren statt zu diffamieren, zu differenzieren statt zu pauschalisieren.

Über einen weiteren Aspekt der Dynamik, die in öffentlichen Diskussionen auf regionaler Ebene entstehen kann, berichtete der Bürgermeister der Stadt Neusiedl am See, Kurt Lentsch: „Als vor rund 10 Jahren bei uns eine Mobilfunkstation geplant wurde, dauerte es nicht lange, bis sich eine Bürgerinitiative dagegen bildete. Ich war verwundert, als mir die Namensliste mit den Unterstützungserklärungen übergeben wurde, waren  doch auch viele Bekannte dabei, von denen ich keinen Widerstand erwartet hätte. Als wir die Sache dann nach mehreren Gesprächen am Runden Tisch – das war ein recht langwieriger Prozess – bereinigt hatten, erklärte mir ein guter Freund, er hätte eigentlich nur wegen dem Gruppenzwang unterschrieben, was aber  verständlich ist, da, wenn eine kritische Masse erreicht wird, man selbst nicht als der Böse in der Diskussion dastehen will.“

Irrationaler Angst ist schwer beizukommen

Auch Schiesser weiß um die Gefahrenpotenziale einer moralisierenden Diskussion. „Man erreicht dann am meisten, wenn man  die Ängste der Menschen schürt. Angst ist das Mittel der Wahl, um Menschen zu manipulieren.“

Wie schwer es ist, gegen dieses Gefühl der Angst professionell anzukämpfen, zeige sich laut Schiesser in der Komplexität individueller Bewältigungsstrategien wie etwa der Psychotherapie. Dahinter stünden jeweils komplizierte, langwierige Prozesse. Noch viel schwieriger sei es daher, einem kollektiven Angstgefühl beizukommen. Versuchen müsste man es aber dennoch immer wieder – mit Hilfe einer sachlichen, faktenorientierten Aufklärung. Nur so ließe sich irrationalen Verschwörungstheorien wirksam begegnen.

Rückfragehinweis

Gregor Wagner

Pressesprecher
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